Ausgabe 40 / Dezember 2014

Interview “Gallus & Heidelberg” mit Stefan Heiniger/COO Etikettengeschäft und Klaus Bachstein/CEO Gallus Gruppe

1. Im Juli wurde die Übernahme von Gallus durch die Heidelberger Druckmaschinen AG vollzogen. Was bedeutet dies für Gallus und die Kunden von Gallus?

Klaus Bachstein:
Zunächst ist zu erwähnen, dass Heidelberg seit 1999 eine Beteiligung von 30% an Gallus hatte und somit im Verwaltungsrat, dem obersten Leitungsgremium von Gallus, anteilsmässig vertreten war. Heidelberg hat dieser Beteiligung seit Anbeginn hohe Aufmerksamkeit geschenkt. Dies äusserte sich u.a. darin, dass während der gesamten Zeit der Beteiligung zwei Heidelberg Vorstände im Gallus Verwaltungsrat vertreten waren. Insofern war also bisheriger Minderheitsaktionär, Partner und nunmehriger 100% Eigentümer Heidelberg in alle Strategien von Gallus voll eingebunden und hat diese mitgestaltet und -getragen. Insofern dürfte es nicht überraschen, dass es in der grundsätzlichen Ausrichtung von Gallus keine Änderungen gibt. Gallus richtet seinen Fokus – getreu seiner Kompetenzverdichtung „Erfolg und Sicherheit für den Etikettendrucker“ – weiterhin auf die Kundenzielgruppe Etikettendrucker aus.

Dasselbe gilt für das seit 2006 aufgebaute Geschäft Faltschachtel, in dem Gallus Reihenbaudruckmaschinen und -stanzen für die Herstellung von Kartonprodukten anbietet.

Der Auftritt von Gallus und die Marke Gallus bleiben unverändert. Lediglich der Partnerzusatz im Auftritt von Gallus, nämlich „Ein Partner von Heidelberg“, hat sich geändert und wurde auf die neuen Besitzverhältnisse angepasst. Neu wird unser Auftritt mit „Ein Mitglied der Heidelberg-Gruppe“ ergänzt.

Stefan Heiniger:
Unsere Kunden haben in deren Ansprache und Betreuung keine Veränderung aufgrund des Eigentümerwechsels wahrgenommen: Derselbe Kundenbetreuer in Verkaufs- und in Servicethemen ist nach wie vor deren Betreuer. Wir legen grossen Wert darauf, eine Kontinuität in der Beziehung zu unseren Kunden sicherzustellen. Das spezialisierte Geschäft des Etikettendrucks und die hohe Anwendungsorientierung unserer Kunden verlangt nach Spezialisten, von der Entwicklung über die Leistungserstellung bis hin zu Vertrieb und Service. Unsere Kunden wollen Betreuer, die ihnen in ihrer Aufgabenstellung auf Augenhöhe begegnen, ihre Sprache sprechen und für sie ein guter Sparringspartner sind. Dies erfordert eine permanente Auseinandersetzung mit der Branche und der damit verbundenen Spezialisierung.

2. Weswegen dann eine Vollübernahme durch Heidelberg und welche Nutzen ergeben sich daraus?

Klaus Bachstein:
Der strategische Nutzen für Heidelberg und deren Kunden liegt in der komplementären Ergänzung des Lösungsangebots in den Verpackungssegmenten Etikette und Faltschachtel durch Lösungsangebote von Gallus. Gallus ist in der Druckmaschinenentwicklung und -produktion ausschliesslich auf Reihenbautechnologie fokussiert und ergänzt somit die bei Heidelberg vorherrschende Bogenoffsettechnologie in diesen beiden Marktsegmenten ideal. Heidelberg Kunden, die im Bereich Etiketten und Faltschachtelherstellung Inlinelösungen durch Reihenbautechnologie suchen, erhalten diese über Gallus.

Gallus und damit Gallus Kunden wiederum profitieren vom noch einfacheren Zugang von Gallus zu Kernkompetenzen und Technologien der Heidelberg-Gruppe und deren Partner. War und ist dies bereits sehr deutlich bei der Entwicklung von Offsetdruckwerken und deren Integration in Gallus Reihenbaumaschinen zum Ausdruck gekommen, wird dies in der zunehmenden Digitalisierung der Druckindustrie noch deutlicher werden: der Zugang zu Know-how und Kompetenz in den Bereichen Digitaldruckwerkentwicklung, Workflowentwicklung und Integration dieser Kompetenz in kundentaugliche Lösungen ist für ein mittelständisches Unternehmen der Grösse von Gallus eine grosse Herausforderung. Künftige Wettbewerbsfähigkeit und Marktführerschaft in der Druckmaschinenindustrie erfordern globale Präsenz und Mehrfachnutzung erfolgversprechender Technologien – auch in artverwandten Bereichen. Diese Strategie kann Gallus nur mit einem adäquaten Partner bzw. in adäquaten Händen umsetzen. Hier ist es von grossem Vorteil, Teil eines führenden Unternehmens der grafischen Ausrüsterindustrie zu sein, das in seinem Kerngeschäft auf sehr ähnliche Aufgabenstellungen trifft und die dadurch gemeinsam adressiert werden können – mit der entsprechenden Ressourcenkonzentration in definierten Entwicklungsprojekten.

Stefan Heiniger:
Die an den „Gallus Innovation Days“ im September 2014 vorgestellte Gallus DCS 340, eine Digitaldruckmaschine neuester Generation für die Herstellung von Etiketten von der Rolle zum fertigen Etikett, unterstreicht dies. In ca. 12 Monaten haben Heidelberg und Gallus Ingenieure auf der Basis von Inkjetköpfen des Inkjettechnologiepartners Fujifilm eine Lösung geschaffen, die im Etikettenmarkt eine neue Ära einleiten wird. Dabei sind neben der Druckwerkskonzeption insbesondere die Gestaltung des Workflows, die entsprechende Entwicklung/Bereitstellung der Software und deren Anbindung an die Gallus Druckmaschine sowie die inkjetkopfoptimierte Farbentwicklung zu erwähnen. Das Lösungsgesamtpaket wird eine deutliche Differenzierung und einen grösseren Kundenutzen im Vergleich zu derzeit verfügbaren Marktlösungen darstellen. Gallus bringt das Markt Know-how, das Applikationsverständnis des Etikettenmarktes sowie die Basismaschine und die Beherrschung des registergenauen Bahntransportes für alle relevanten Substrate des Etikettendrucks ein. Diese Kombination ist einzigartig.

Die Zugehörigkeit von Gallus zur Heidelberg-Gruppe unterstreicht daher unser Motto: Erfolg und Sicherheit für den Etikettendrucker.

3. Wird sich für den Kunden etwas ändern?

Stefan Heiniger:
Wie bereits eingangs erwähnt: der Auftritt und die Marke Gallus bleiben unverändert, die Kunden haben weiterhin ihre bisherigen Ansprechpartner.

Gleichzeitig bietet uns die nunmehrige Zugehörigkeit zur Heidelberg-Gruppe die Möglichkeit, von der globalen Marktabdeckung Heidelbergs zu profitieren. D.h. wir überprüfen Möglichkeiten, unsere weltweite Kundenabdeckung weiter zu verbessern – insbesondere mit Blick auf den Service – gerade hinsichtlich des Aufbaus von Servicekompetenz in der Betreuung digitaler Druckmaschinen. 

4. Noch eine Frage zum Digitalmarkt: Wird das neue digitale Inline-Converting-System Gallus DCS 340 eine Heidelberg Maschine und wo wird sie gebaut werden?

Stefan Heiniger:
Klaus Bachstein hat bereits die Mehrfachnutzung von Technologien und deren wirtschaftliche Bedeutung für ein Unternehmen angesprochen. Mit der Gallus DCS 340 bringt die Heidelberg-Gruppe die erste gemeinsame Entwicklung aus der Zusammenarbeit mit dem Technologiepartner Fujifilm auf den Markt. Es ist ein Produkt für den Etikettendrucker. Innerhalb der Heidelberg-Gruppe ist Gallus für den Rollendruck und die Bearbeitung der Märkte Etikettendruck und Faltschachteldruck mit Rollenlösungen zuständig. Daher ist die Gallus DCS 340 eine Gallus Maschine und wird von Gallus verantwortet, also weiterentwickelt, verkauft und im After Sales Service betreut. In der Weiterentwicklung der Schlüsseleinheit Inkjetdruckeinheit, Workflowsoftware und Farbentwicklung werden wir weiterhin auf Heidelberg bauen. Denn Heidelberg wird dieselbe Technologie für deren Kernmärkte einsetzen und die drupa 2016 wird ein weiterer Meilenstein dafür. Das meinen wir mit Mehrfachnutzung. In diesem Zusammenhang ist es klar, dass das Inkjetdruckmodul im Heidelbergwerk in Wiesloch gefertigt werden wird. Die Trägereinheiten und alle Module der Gallus DCS 340 werden im Schweizer Werk von Gallus in St.Gallen gebaut werden.

5.  Was ist Ihr persönliches Fazit?

Klaus Bachstein:
Die Zugehörigkeit von Gallus zu Heidelberg unterstützt unser Motto „Erfolg und Sicherheit für den Etikettendrucker“, die Marke Heidelberg geniesst Stärke und steht für Lösungskompetenz in einer sich rasch wandelnden grafischen Industrie. Insbesondere die Frage nach dem richtigen Partner beim Einstieg in den digitalen Etikettendruck und die dabei parallel erforderliche Kundenbegleitung in allen damit zusammenhängenden Fragestellungen (z.B. „Wie gelange ich zur fertig gestanzten Etikette?“, „Wie funktioniert der Workflow und wer hilft mir dabei?“ etc.) wird durch die technologische Kompetenz der Partner Fujifilm und Heidelberg sowie dem Applikations- und Marktwissen von Gallus unterstützt.

Zudem wird die hoher Kontinuität in den bisherigen persönlichen Beziehungen zwischen Gallus und seinen Kunden bis hin zum weiteren Engagement des bisherigen Gallus Mehrheitseigentümers und nunmehrigen Heidelberg Ankeraktionärs Ferdinand Rüesch in seiner bisherigen operativen Rolle als Gallus Key Account Manager wahrgenommen und als Zeichen interpretiert, dass die Ankündigungen von Heidelberg und von Gallus nach einem weiterhin autarken Marktauftritt von Gallus auch nach der Übernahme umgesetzt werden.

Nach einer Phase anfänglicher Unsicherheit nach der Übernahme durch Heidelberg in Teilen der Gallus Mannschaft – mit den mit einer Übernahme üblicherweise verbundenen Fragen nach der Jobsicherheit, möglichen Veränderungen und zukünftiger Perspektive – ist diese Unsicherheit relativ rasch gewichen und die Wahrnehmung der Chancen aus der Zugehörigkeit zur Heidelberg-Gruppe rücken in den Vordergrund der Mitarbeitergespräche. Insbesondere das gemeinsame Projekt Digitaldruck hat sehr rasch breite Teile des Unternehmens Gallus mit Kollegen von Heidelberg zusammengeführt und das gemeinsame Projektteam ist stolz auf des Erreichen des ersten Meilensteins, nämlich die erfolgreiche Präsentation der Gallus DCS 340 an den „Gallus Innovation Days 2014“ vor über 700 Kunden. Nunmehr legen wir unseren Fokus und unsere Anstrengungen auf den Markteintritt anlässlich der Labelexpo 2015 in Brüssel, wozu wir noch einige Verbesserungen am Produkt vornehmen.

Aus Sicht Gallus ziehen wir bisher also ein sehr zufriedenes Résumé und sehen mit Zuversicht in die Zukunft. Letztendlich ist die Aufgabenstellung vor und nach dem Eigentümerwechsel dieselbe, nämlich unseren Kunden nachhaltig zu Kundenutzen zu verhelfen, den sie bereit sind zu honorieren.


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