Ausgabe 30 / Juni 2012

„Low Migration“ im UV-Etikettendruck – Teil 1

Immer mehr Lebensmittel werden industriell hergestellt und über Einzelhandelsketten vertrieben. Als Konsequenz davon werden die Herstellung und der Verkauf von Lebensmitteln immer stärker reglementiert. In fast allen Ländern existieren heute ausführliche Normenwerke, welche die Lebensmittelsicherheit gewährleisten sollen. Da rund die Hälfte aller Lebensmittel verpackt wird, sind nebst dem eigentlichen Lebensmittel, dessen Inhaltsstoffen und ihrer Deklaration auch die Lebensmittelkontaktmaterialien – z.B. das Etikett - einer Vorschrift unterworfen. In einer dreiteiligen Artikelserie soll nun anhand des europäischen Marktes exemplarisch verdeutlicht werden, wie der Etikettendruck davon betroffen ist, welche Auswirkungen auftreten und wie in der Praxis erfolgreich damit umgegangen werden kann. Dieser erste Teil befasst sich mit der grundsätzlichen Frage nach der Relevanz der Vorschriften  für den Etikettendrucker.

Lebensmittelkontaktmaterialien und Migration

Als Dachvorschrift, welche die Herstellung und Inverkehrbringung von Lebensmitteln regelt, gilt die Verordnung zur Lebensmittelsicherheit (EG) 178/202. Dieser untergeordnet sind auch Vorschriften, welche die Handhabung von Lebensmittelkontaktmaterialien und deren Herstellung regeln. Die European Food Safety Authority( EFSA) bezeichnet als Lebensmittelkontaktmaterial alle Gegenstände, die dazu bestimmt sind, mit dem Lebensmittel in Berührung zu kommen. Diese Gegenstände sind so  herzustellen, dass sie nichts an das Lebensmittel abgeben können ,was schädlich für die Gesundheit ist, keine unvertretbare Veränderung des Lebensmittels herbeiführen und das Lebensmittel nicht organoleptisch  (Sinneseigenschaften wie Geschmack, Geruch, Färbung, etc. Wikipedia) beeinflussen. Hauptsächlich kommen dabei folgende Vorschriften zur Anwendung:

-       Lebensmittelkontaktmaterialien (EG) 1935/2004

-       Kunststoffe (Plastic Implementation Measures) (EU) 10/2011

-       GMP (Good Manufacturing Practice) (EG) 2023/2006

Gemäss der Definition der EFSA kann auch ein Etikett in die Kategorie der Lebensmittelkontaktmaterialien fallen und den entsprechenden Vorschriften unterworfen sein. Der indirekte Lebensmittelkontakt über die Migration von beispielsweise Farbbestandteilen wird dem direkten Lebensmittelkontakt in der Vorschrift gleichgesetzt. Eine Differenzierung zwischen Primär-, Sekundär- und Tertiärverpackung ist gemäss der geltenden EU Vorschriften nicht mehr vorgesehen. Somit erhält das Migrationsrisiko, also das Risiko einer ungewollten Übertragung von Verpackungsbestandteilen auf das Lebensmittel, ein zentrale Bedeutung in der Festlegung der Produktionsmethoden eines Etiketts.

Bild 1: Migrationsarten (roter Rahmen = primär im Etikettendruck zu beachten)

Hauptsächlich kommt beim Etikett das Diffusionsrisiko oder das Abklatschrisiko (Set-Off) zum Tragen, wobei ein besonders hohes Migrationsrisiko von der UV-Druckfarbe ausgeht. Die Formulierungen von Standard UV-Farben sind nicht optimal für den Einsatz auf Lebensmittelkontaktstoffen und können zu einem erheblichen Migrationsrisiko führen. Aber auch der Bedruckstoff und Hilfsstoffe wie Reinigungsmittel, Öle und Fette, Weichmacher aus Farbwalzen sowie Druckplatten, etc. sind bei einer Migrations-Risikobeurteilung zu beachten.

Wer trägt die Verantwortung?

Grundsätzlich gilt sowohl für das Lebensmittel (Inhalt), als auch für die Verpackung, dass der Inverkehrbringer die rechtliche Verantwortung für die vorschriftsgemässe Herstellung trägt. In der Regel werden die Teilverantwortungen betreffend der verschiedenen Verpackungsbestandteile jedoch mittels einer Konformitätserklärung an die Zulieferer delegiert. Jeder Hersteller von Verpackungsbestandteilen muss also seinen Lieferanteil nach geltenden Vorschriften produzieren und dies mit der Konformitätserklärung auch nachweisen. Der Etikettendrucker ist so verpflichtet, das Etikett nach GMP Richtlinien herzustellen und die vom Etikett ausgehenden Migrationswerte gemäss geltender Vorschriften einzuhalten.

Was in der Theorie relativ einfach klingt, gestaltet sich in der Praxis wesentlich schwieriger. Allem voran steht die Tatsache, dass der Konformitätsnachweis nicht unmittelbar bei der Herstellung eines Etiketts und nur sehr aufwendig durch ein akkreditiertes Institut erbracht werden kann. Zudem hängen die jeweiligen Migrationseigenschaften vom Füllgut, den Barriereeigenschaften der Verpackung, den Lagerbedingungen, der Haltbarkeit oder der Weiterverarbeitung der Produkte ab. In der Praxis kennt der Etikettendrucker all diese Parameter jedoch nur selten und er wird auch kaum einen analytischen Nachweis für die Einhaltung der Migrationswerte in jedem Auftrag erbringen können. Ein belastbarer Konformitätsnachweis kann also nur erbracht werden, wenn entlang der gesamten Wertschöpfungskette zusammengearbeitet wird.

Bild 2: Selbsteinschätzung anhand eines vereinfachten Migrationsrisiko-Szenarios

Nebst den rechtlichen Konsequenzen ist es vor allem der Image-Schaden, den Markenartikelhersteller oder Einzelhandelsketten fürchten. Viele der grossen Lebensmittelhersteller und Einzelhandelsketten haben deshalb bereits von den EU Vorschriften abgeleitete Hausstandards entwickelt, die innerhalb der Wertschöpfungskette entsprechend Anwendung finden (Bsp. Nestlé, REWE oder Mc Donalds).

Migrationsarmes Drucken im UV-Etikettendruck

Einen Ausweg aus der Situation versprechen „low-migration“ Farbsysteme. Hinter dem Begriff „low-migration“  Farben darf man jedoch keinesfalls einen Standard respektive eine EU-Vorschrift erwarten. Vielmehr wird dieser Begriff von den Farbherstellern verwendet, um UV-Druckfarben zu benennen, die bei richtiger Anwendung auf dem entsprechenden Verpackungstyp die gesetzlichen Vorschriften einhalten können. Auch ist den Vorschriften  mit dem Einsatz von „low-migration“  Farben keinesfalls Genüge getan. Vielmehr muss der gesamte Produktionsprozess umgestellt werden. Dies beginnt im Vertrieb, welcher bedeutend mehr über den spezifischen Einsatzzweck des Etiketts wissen muss, und endet bei der Druckmaschine, welche auf die migrationsarme Produktion umgestellt werden muss.

Welche Auswirkungen eine migrationsarme Etikettenproduktion auf eine Etikettendruckerei hat und was bei einer Umstellung auf migrationsarme Etiketten beachtet werden sollte, wird im zweiten Teil dieser Artikelserie in der nächsten Ausgabe von Gallus In Touch besprochen werden.

Mehr zum Thema im Internet:
http://www.efsa.europa.eu


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